Aggression bei Hunden

...warum beißen Hunde?
 

Warum ich den Beitrag „Aggression bei Hunden“ schreibe…

Neulich ist mir meine eigene Unaufmerksamkeit zum Schicksal geworden. Wir waren auf dem Weg zum Lauftraining, als es geschah. Ich sah nur einen befreundeten Hund auf der Wiese laufen. Also ließ ich Frau Emma unangeleint gemeinsam mit einem weiteren Hundefreund zu ihrem Hundekumpel laufen. Leider habe ich nicht gesehen, dass bei der Gruppe auch eine weitere Hündin stand, mit der sich Frau Emma so gar nicht versteht. Die beiden trafen aufeinander und begannen sofort einen Streit. Dabei kamen einige Komponenten zusammen. Zum Beispiel, dass die andere Hündin in der Nähe ihres Halters fremde Hündinnen nicht dulden möchte. Frau Emma hingegen, lässt sich von anderen Hündinnen nur sehr ungern etwas sagen (besonders kurz vor und nach der Läufigkeit) und kontert vehement – in beiden Fällen eine sexuell/soziale Komponente also. Die Hündin durfte oft schon frei laufen, während Emma nicht frei laufen durfte – Für Frau Emma war also die Situation geradezu prädestiniert, der Hündin, die sie sowieso nicht mag, und die immer frei um sie herumläuft, endlich mal eine Abreibung zu verpassen.

Da so eine Rauferei schnell mal entstehen kann und viele Menschen sich im Unklaren sind, wie sie sich am besten verhalten sollen, möchte ich diesen Artikel dem Thema widmen.

Die beiden rauften also und der Halter der anderen Hündin bemühte sich die beiden Raufbolde auseinander zu bringen. Dabei hat Frau Emma der Hündin am Hinterbein drei Löcher zugefügt, die bluteten und mit Antibiotika versorgt werden mussten. Nun ist das erstmal peinlich und unangenehm. Für mich persönlich natürlich eine echte Niederlage. Selbstverständlich habe ich mich bei den Haltern entschuldigt und die Kosten für den Tierarzt übernommen.

„Hunde die beißen…“ –  Wozu dient Aggression bei Hunden

Häufig wird aggressives Verhalten direkt mit Verhaltensstörungen assoziiert. Der „aggressive Hund“ wird schnell als „böser Hund“ abgestempelt, der dringend einer Therapie bedarf. In erster Linie ist mir wichtig hier aufzuklären, dass Aggression keine Verhaltensstörung ist, sondern eine evolutionär wichtige Aufgabe erfüllt. Des Weiteren möchte ich noch dringend bemerken, dass ein Hund, der z.B. sein Futter verteidigt hat und dabei einen anderen Hund verletzt hat, nun nicht automatisch „gefährlich“ ist und deshalb in anderen Lebenssituationen auch eine Gefahr darstellt. Generell dient Aggression dazu, Distanz herzustellen. Wenn ein Hund dem anderen droht, so dient das in erster Linie dazu, den anderen Hund auf Abstand zu halten. Je nachdem, aus welchem Grund gedroht wird, entscheidet sich, wie groß die Entfernung sein muss, um die Aggression abzustellen.

Generell dient Aggression dazu, Distanz herzustellen.

Droht zum Beispiel ein Hund einem anderen Hund, weil er sein Futter oder sein Spielzeug verteidigen möchte, so kann ein halber Meter schon ausreichend sein (auch hier entscheidet wieder die Situation – je nach Persönlichkeit und der umgebenden Umstände). Handelt es sich um eine territoriale Aggression – ein Hund duldet einen weiteren Hund nicht in seinem Revier (das Revier kann sehr individuell in seiner Größe definiert sein) – so kann die Distanz bis zum Rand des „Reviers“ durchaus auch sehr beachtlich sein. Zeigt ein Hund eine soziale Aggression, weil er einen Menschen oder einen Hund für sich beansprucht und verteidigen möchte, so muss die Distanz zu diesem Hund/Menschen hergestellt werden, um die Aggression zu beenden. Es könnten hier noch sehr viele weitere Beispiele aufgeführt werden. Insgesamt soll gesagt sein, dass Aggression primär dazu dient, Distanz herzustellen.

Aggression nach Dr. Feddersen-Petersen

Aggression wird nach Dr. Feddersen-Petersen (Ethologin) in drei Stufen unterteilt und kann helfen, die Ernsthaftigkeit einer Auseinandersetzung besser zu beurteilen:


 

  1. Stufe

    1. Distanzdrohen: Fixieren, Zähneblecken, Knurren
    2. Drohen mit Distanzunterschritung: Gelegentlicher Körperkontakt, Anrempeln, in den Nacken rempeln, in die Luft beißen (abschnappen)
  2. Stufe

    1. Drohen mit Körperkontakt: Über die Schnauze beißen, Ringkampf
    2. Drohen mit Einschränkung der Bewegungsfreiheit: Queraufreiten, Über dem Gegner stehen, Herunterdrücken, Schieben
  3. Stufe

    1. Gehemmte Beschädigung: Anrempeln, Anspringen, gehemmtes Abwehrbeißen, gehemmtes Beißen
    2. Ungehemmte Beschädigung: Beißen, Beißen im Bauchraum, Schütteln, Beißen mit Tötungsabsicht.

Defensives Drohen

  • Die Ohren sind hinten angelegt,  der Blick ist ungerichtet, d.h. er schaut weg oder lässt den Kontrahenten nicht aus dem Blick.
  • Das Bellen und Beißen geht von unten nach oben und die Lefzen sind V-förmig nach hinten gezogen, sodass alle Zähne entblößt werden.
  • Die Bewegungen gehen eher vorwärts und rückwärts – als wolle der Hund den anderen Hund vertreiben, sich aber gleichzeitig möglichst schnell verziehen.
  • Der Hund trägt die Rute ambivalent – von eingezogen unter dem Bauch bis kurzzeitig imponierend oder in alle Richtungen schlagend.
  • Das Körpergewicht ist eher auf die Hinterläufe gelegt und die Bewegungen sind vor allem schnell vom anderen Hund weg.
Defensiv aggresiver / defensiv drohender Hund

Defensiv aggresiver / defensiv drohender Hund (Bildquelle: Pixabay)

Offensives Drohen

  • Die Ohren sind bis zum Kampf nach vorne gerichtet, der Blick ist über den nach unten gehaltenen Nasenrücken starr auf den Kontrahenten gerichtet
  • Das Körpergewicht liegt auf den Vorderläufen und die Bewegungen sind steif und nach vorne gerichtet. Die Rute kann imponierend hoch getragen werden und die Spitze vibrierend oder auch als Verlängerung der Wirbelsäule gerade gestreckt
  • Das Knurren ist tief und i.d.R. langgezogen. Dabei werden die Lefzen C-förmig gezogen und nur die vorderen Zähne werden entblößt, während der Nasenrücken gekräuselt wird

Ein Hund, der offensiv droht, ist sich seiner Sache sicher und weiß, was er erreichen will. Er handelt überlegt und zielgerichtet. Wenn er erreicht, was er erreichen möchte, lässt er schnell ab. Das macht die Sache einfach, wenn man zum Beispiel als Mensch abstand einnehmen soll und schwierig, wenn man feststellt, dass man einen Hund hat, der sich seiner Sache völlig sicher ist und erzogen werden soll.

Ein Hund, der offensiv droht, ist sich seiner Sache sicher und weiß, was er erreichen will.

Ein Hund, der defensiv droht, ist unsicher und versucht sich zu verteidigen. Dementsprechend kann sein Verhalten durchaus ambivalent sein. Viele Hunde setzen auch gerne nochmal Eins nach, obwohl die Situation vielleicht schon geklärt ist. Beispiel: Ein Mensch, der Abstand einnehmen soll, dreht sich weg und geht fort. Ein unsicherer Hund kann u.U. noch hinterherlaufen und dem Menschen in die Wade zwicken, um diesem zu vermitteln: „Ja, geh nur weg und komm auch nicht wieder – ich bin nämlich gefährlich und im Stande, dich zu verletzen“  – Gerne wird das mit „nochmal eins Nachsetzen“ interpretiert. Hier liegt insgesamt keine Wertung vor und ein Hund, der in einer Situation absolut offensiv droht, z.B. seinen Halter bedroht, weil er sein Futter verteidigen möchte – kann in einer anderen Situation völlig defensiv reagieren z.B. wenn er sich von einem fremden Hund bedrängt fühlt. Ich möchte hier lediglich vermitteln, dass es unterschiedliche Motivationen und Arten von und für Aggression gibt und diese unterschiedlich zu betrachten sind. Ein defensiv aggressiver Hund ist oft deutlich unberechenbarer, als ein Hund, der offensiv droht. Generell kann es viele Gründe geben, weshalb Hunde dann in bestimmten Situationen nicht nur drohen, sondern auch zubeißen. In vielen Fällen lässt sich die Ursache des Konflikts im Nachhinein oder durch Tests mit Hund und Haltern aufklären.


Ich möchte hier die Hauptursachen für aggressives Verhalten aufzählen und damit für ein besseres Verständnis für dieses schwierige Verhalten sorgen.

Offensiv aggresiver / offensiv drohender Hund

Offensiv aggresiver / offensiv drohender Hund (Bildquelle: Pixabay)

Erziehung von Menschenkindern

Kinder werden doppelt so häufig gebissen, wie Erwachsene. Am häufigsten finden die Verletzungen im Kopf/Halsbereich statt. Bisher habe ich besonders häufig erlebt, dass Eltern gerade dann, wenn das Kind im Gesichtsbereich gebissen wurde, besonders verständnislos reagieren. Selbstverständlich ist mir klar, dass das zu Hause des Kindes sicher sein muss und der Hund keine Gefahr für das Kind darstellen soll. Sicherlich verstehe ich auch die Sorge und den Schock, den die Eltern nach einer solchen Verletzung empfinden. An dieser Stelle möchte ich aber dringend die Argumentation und das Empfinden des Hundes schildern. Oftmals wird erklärt, dass Kinder Hunde deutlich häufiger umarmen und durch ihre Körpergröße ohnehin mit ihrem Kopf näher am Hundemaul, und damit den Zähnen ist. Natürlich ist es für einen Hund leichter in den Kopfbereich zu beissen, wenn der Kopf sich tiefer befindet. Der wahre Grund, warum die meisten Bisse im Kopfbereich zu verzeichnen sind, ist aber ein anderer. Hundemütter erziehen ihre Welpen durch den sogenannten „Schnauzgriff“. Ich beschreibe diesen sehr häufig in den Welpenstunden um den Haltern die Erziehungsmethoden von Hund-zu-Hund zu beschreiben. Die Hundemutter „warnt“ ihren Welpen vor einer Tat (z.B. soll er nicht an ihren Kauknochen gehen) indem sie ihn über den nach unten gehaltenen Nasenrücken anstarrt, knurrt und die Nase kräuselt. Nimmt der Welpe keinen Abstand ein, so wird sie ihm über die Schnauze beißen. Der Welpe wird stark beeindruckt sein, quietschen und Abstand einnehmen. In Zukunft wird er sich daran erinnern, wenn ein Hund eine Ressource verteidigt und ihn deshalb anknurrt. Er wird verstanden haben, dass dies eine „Warnung“ ist und um den Konflikt zu vermeiden (sofern er nicht noch mehr Wert auf die Ressource legt) wird er Abstand halten. In Menschenfamilien verhält es sich manchmal so, dass Hunde bei der Beobachtung der Familie das Empfinden haben, dass die Eltern ihre Kinder nicht ausreichend erziehen. Das ist besonders dann der Fall, wenn Kinder über Bänke und Tische gehen und sich dabei nicht bändigen lassen.

Die Erziehungsarbeit, die die „Menscheneltern“ nicht übernehmen…

Es ist aber auch oftmals der Fall, wenn Eltern ihren Kindern nicht beibringen, dass auch der Hund in der Familie seinen Freiraum und seine Ruhephasen und -Plätze braucht. Wenn ein Hund also oft an seinem Ruhe- oder Futterplatz belästigt wird und keine Möglichkeit hat, den Kindern auszuweichen, liegt es für den Hund nahe, die Erziehungsarbeit, die die Menscheneltern nicht leisten, zu übernehmen. Er reagiert also bei Kindern vergleichbar wie bei Hundewelpen mit einem „Schnauzgriff“ – mit dem fatalen Unterschied, dass die menschliche, insbesondere Kinderhaut dem vergleichsweise „milden“ Biss des Hundes nicht stand hält und daher schnell starke Verletzungen entstehen können. Fatal sind solche Situationen besonders auch, weil der Hund die Erziehungsaufgabe der „Menschenwelpen“ ja gar nicht übernehmen möchte und in der Regel sehr unglücklich mit dieser Aufgabe ist. Er fühlt sich von seinem Menschen im Stich gelassen, sieht keine andere Wahl, als diese Aufgabe auszuführen. Gerade deshalb plädiere ich in Familien mit Kindern für klare Regeln für Hund und Kind.

Hund und Kind - Hunde die Kinder erziehen...

Hund und Kind – Hunde die Kinder erziehen… (Bildquelle: Pixabay)

Angstbeißer

Hunde, die Angst haben, werden schnell unberechenbar. Genau genommen gilt das auch für uns Menschen. Jeder, der sich bereits in einer Angstsituation befunden hat, kann nachvollziehen, wenn man erklärt, dass die Reaktionen in der Situation nahezu „kopflos“ erfolgen.

Hunde, die Angst haben, werden schnell unberechenbar.

Ein Hund, der z.B. Angst vor anderen Hunden oder bestimmten Menschen hat, entscheidet sich, wenn er sich bedrängt fühlt, dazu Angriff als beste Form der Verteidigung zu verwenden. Gerade in Angstsituationen ist rationales Handeln nicht mehr möglich und der Hund versucht durch „in die Luft beißen“ oder das Beißen des Gegners und schnelles Zurückziehen wieder Distanz und damit auch Raum zu schaffen, um aus der Angst herauskommen zu können. Hier ist defensive Aggression gut zu beobachten.

Auslöser für Aggression: Schmerz

Bei Schmerzen verhält es sich ähnlich wie mit der Angst. Jeder von uns hat schon einmal erlebt, wie es ist, wenn man wahrhaftig große Schmerzen hat. Wenn nun noch jemand dazukommt und (meistens sogar ohne es zu wollen) den Schmerz verschlimmert, indem er zum Beispiel aus versehen den Schmerzpunkt berührt, kann es schnell zu einer Abwehrreaktion kommen. Ich erinnere mich an meine Kindheit und wie meine Schwester mir mit der rechten Hand eine wahnsinnige Ohrfeige verpasst hat, weil ich ihren gebrochenen linken Arm nach einem Sturz mit den Rollschuhen berührt hatte. Hier ist nochmals besondere Rücksicht auf Hunde mit chronischen Schmerzen zu nehmen. Leider gibt es viele Hunde mit Gelenkproblemen, die nicht immer auf den ersten Blick von außen sichtbar sind. Berührt man nun versehentlich den Schmerzpunkt des Hundes, so ist eine aggressive Abwehrreaktion möglich. Als rücksichtsvoller Hundehalter ist es besonders wichtig, den Halter des anderen Hundes immer erst zu fragen, ob die Hunde miteinander Kontakt aufnehmen dürfen. Besonders stürmische Hunde sollten dann nicht auf sehr gebrechliche bzw. schmerzgeplagte Hunde zulaufen dürfen.

Sexuelle / Soziale Aggression:

Bei sozialer Aggression geht es häufig darum, seinen Partner für sich beanspruchen zu wollen und einen anderen Hund oder Menschen nicht in der Nähe dieses Partners (das kann ein weiterer Hund, ebenso wie der Halter sein) zu akzeptieren. Ein klassisches Beispiel sind hier zwei Hunde, die zusammenleben. Auf dem Spaziergang treffen sie auf einen Hund aus der Nachbarschaft, der Kontakt aufnehmen möchte. Einer der Hunde hegt den Anspruch auf seinen Hundepartner und ist nicht einverstanden, dass der Andere nun Kontakt zu einem fremden Hund aufnimmt. Nun gibt es mehrere Möglichkeiten:

  1. Der Hundepartner bekommt eins auf den Deckel, denn er soll nicht „fremdflirten“ (Stellen Sie sich vor Ihr/e Partner/in flirtet in der Disko mit einem/einer anderen Frau/Mann – Mit wem rechnen Sie ab? Mit der/ dem fremden Frau/Mann? oder mit Ihrem/Ihrer Partner/in?)
  2. Der fremde Hund bekommt eins auf den Deckel, denn er hat hier nicht mit dem beanspruchten Hund zu flirten
  3. Es gibt auch eine Variante die Situation völlig ohne Aggression zu lösen: Der sozialmotivierte Hund beginnt mit dem eigenen Hundepartner zu „flirten“ und ihn zu umgarnen und zum Spiel aufzufordern – so hat der gar keine Augen mehr für die Avancen des fremden Hundes.

Häufig kommt bei sozialer Motivation noch eine sexuelle Komponente hinzu. Sprich, bei gegengeschlechtlichen Paaren wird es schnell besonders hitzig. Wenn zum Beispiel Rüde und Hündin zusammenleben und ein weiterer Rüde stößt auf dem Spaziergang hinzu – der Rüde aus dem Pärchen wird hier eher trennen wollen als die Hündin. Würde eine weitere Hündin dazustoßen, würde es dementsprechend umgekehrt aussehen und die Hündin aus dem Pärchen wird nicht zulassen, dass ihr Partner „fremdflirtet“.

Da aber ein Rüde sich beinahe unzählig oft in seinem Hundeleben vermehren kann, würden Rüden nur selten um ihr Leben kämpfen.

Bei Rüden untereinander kommt es oft zu sogenannten „Kommentkämpfen“ – die sind meistens sehr laut und die Rüden diskutieren aus, welcher der Rüden die „Schnecken in diesem Viertel checken“ darf. Da aber ein Rüde sich beinahe unzählig oft in seinem Hundeleben vermehren kann, würden Rüden nur selten um ihr Leben kämpfen. Deshalb ist ein Kommentkampf oft sehr laut und gelegentlich fliegen auch ein paar Hundehaare durch die Luft, ernsthafte Verletzungen passieren allerdings eher selten. Wenn Hündinnen aufeinander treffen, geht es eher darum, welche der beiden hier Welpen bekommen darf. Die Überlebenschancen eines Wurfes stehen höher, wenn wenig Nahrungskonkurrenz besteht. Hündinnen können maximal zweimal im Jahr trächtig werden, das heißt, ihre Nachkommenszahl auf Lebenszeit ist stark beschränkt. Sie müssen also die Möglichkeiten nutzen, sich zu vermehren und dabei die bestmöglichen Chancen für ihren Nachwuchs schaffen. Deshalb sind Auseinandersetzungen zwischen Hündinnen häufig deutlich heftiger und meistens dann auch sehr viel ernster als bei Rüden. Bei der Betrachtung sozialer Motivationen gehört die Beziehung zwischen Mensch und Hund natürlich ebenso dazu, wie die Beziehung von Hund zu Hund. Viele Hunde empfinden das Bedürfnis, ihre Halter „beschützen“ bzw. „verteidigen“ zu müssen. Häufig geht diese Form von Aggression dann nur gegen fremde Hunde und wird von den Haltern als „Eifersucht“ interpretiert. Sie haben die Situation vielleicht selbst schon einmal beobachtet: Ein Halter möchte einen fremden Hund streicheln und der eigene Hund geht dazwischen und versucht den anderen Hund zu verjagen / weg zu beißen. Manchmal, besonders bei gegengeschlechtlichen Paaren also Frau-Rüde und gelegentlich auch Mann-Hündin, kommt es aber auch zur sozialmotivierter Aggression gegen Menschen. Am häufigsten ist es bei Frauen mit Rüden zu beobachten. Eine Frau hält beispielsweise einen Rüden und lebt mit ihm alleine zusammen. Nun lernt sie einen Mann kennen und geht eine romantische Beziehung mit ihm ein. Der Mann wird vom Hund der Frau nicht aus den Augen gelassen und die Stimmung ist bereits am Esstisch angespannt. Als er sich später zu ihr aufs Sofa setzen möchte, drängt sich der Rüde dazwischen und knurrt den Mann an. Der Rüde fühlt sich für sein Frauchen verantwortlich und beansprucht sie für sich. Auch hier ist erzieherisch viel zu erreichen und der Rüde kann lernen, dass Frauchen „sich ihren Mann selbst aussucht“. Jedoch ist es in genau solchen Fällen schon häufig zur Eskalation gekommen. Männer lassen sich nur ungern von einem Rüden sagen, ob sie ihre Freundin nun umarmen dürfen oder nicht, allerdings ist es die Frau, die hier handeln muss, um dem Hund klar zu machen, dass sie mit dem Verhalten nicht einverstanden ist. Eine andere Variante, die ich ebenfalls schon erlebt habe, ist, das der Hund sein Frauchen maßregelt, weil er „seiner Frau“ den Kontakt zu anderen Männern verweigern will.

Kommentkampf

Als Kommentkampf (frz. comment „wie“, im Sinne von „wie man sich verhalten soll“) wird in der Verhaltensbiologie ein ritualisierter Kampf bezeichnet, bei dem die Verletzungsgefahr der Kontrahenten relativ gering ist. Kommentkämpfe weisen eine genau festgelegte – und daher für die Kontrahenten weitgehend vorhersehbare – Abfolge von Verhaltensweisen auf; sie sind im Tierreich weit verbreitet, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Festlegen der Rangordnung innerhalb einer Gruppe von Tieren oder im Verlauf eines Balzrituals.   Aus: Wikipedia, Kommentkampf

Territorialität

Das Thema Territorialität wird in Bezug auf Aggression oftmals vergessen oder nicht eingehend genug betrachtet. Das Territorium bzw. das Revier eines Hundes kann sehr individuell ausgelegt werden. Viele meiner Kunden sagen „ ja des war ja gar nicht in unserem Garten, des war bestimmt 100m vom Haus entfernt“  – Ja, das ist gut möglich, denn Ihr Hund legt die Grenze seines „Reviers“ nicht mit dem Gartenzaum oder der Türschwelle fest. Je nach Hund kann das Revier sich auf quasi jede Wiese, jeden Laternenpfahl, jede Straße die der Hund bisher gesehen hat, ausweiten. Wenn nun ein Hund in „seinem Revier“ auf einen anderen Hund oder unbeliebten Menschen trifft, und er diesen hier nicht dulden will – so ist die logische Konsequenz, dass er den Eindringling vertreiben möchte. Nun ist dieser „Eindringling-Hund“ aber mit seinem Menschen unterwegs und kann nicht ebenso auf flinken Pfoten die Stadt verlassen, um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Dementsprechend kann es zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommen – der territoriale Hund möchte sein Revier verteidigen, während der andere Hund sich selbst verteidigt. Gerade bei stark territorialen Hunden ist es deshalb wichtig, erzieherisch einzuwirken, dafür zu sorgen, dass der Hund gut abrufbar ist und lernt, dass „sein“ Revier, nicht jede Wiese, jede Straße und jeder Laternenpfahl der Stadt ist.

Territorialität bei Hunden

Territorialität bei Hunden – Wie weit reicht das „Reich“ des Hundes? (Bildquelle: Pixabay)

Futteraggression / Verteidigung von Spielzeugen

Wenn ein Hund sein Futter verteidigt, ist das prinzipiell erstmal kein Verbrechen! Wenn jemand ungefragt einfach von meiner Butterbreze abbeißt oder in meine Spaghetti stochert, der muss tatsächlich auch mit einer erbosten Reaktion meinerseits rechnen! Schwierig wird es dann, wenn der Halter selbst den Raum, indem sich das Futter oder Spielzeug des Hundes befindet, nicht mehr betreten kann, ohne Angst vor einer Attacke zu haben. Gerade bei Spielzeug verteidigenden Hunden gibt es die Komplikation, dass auf dem Spaziergang schnell ein Streit entbrennen kann. Zum Glück ist es meistens so, dass der andere Hund akzeptiert, wenn ein Hund sein eigenes Spielzeug verteidigt. In Haushalten mit Kindern kann ein Hund, der seinen Knochen verteidigt schnell zur Gefahr werden. Deshalb ist es wichtig, dem Hund beizubringen, dass das Abgeben seiner Kauartikel, Spielzeuge oder seines Futters nicht bedeutet, dass ihm dauerhaft und unrechtmäßig etwas weggenommen wird. Gerade hier finde ich Tauschgeschäfte sinnvoll. Und nochmal der Vergleich zum Menschen: wer etwas von meiner Breze haben will, der muss mindestens seinen Schokokuchen mit mir teilen! Es ist also wichtig einem Hund der sein Futter verteidigt, beizubringen, dass er nicht darum fürchten muss, dass man ihm willkürlich etwas wegnimmt.

Rottweiler verteidigt Knochen

Dieser Rotti findet seinen Knochen ziemlich wichtig… (Bildquelle: fotolia.com, #32704090 cynoclub)

Missverständnisse

Nicht zu verachten ist auch die Gefahr der Aggression und Auseinandersetzungen durch Missverständnisse. Es gibt Hunde, die sind quasi geradezu prädestiniert, um in aggressive Auseinandersetzungen verwickelt zu werden. Das liegt teilweise an Zuchtzielen, die der hündischen Kommunikation einen Strich durch die Rechnung machen, teilweise an unserem menschlichen Streben nach optischen Schönheitsidealen, die dem Hund Defizite bescheren. Damit meine ich beispielsweise die Zucht auf verkürzte Schnauzen. Hunde mit kurzer Schnauze mit großen Kulleraugen, wie zum Beispiel Französische Bulldogge, Boxer oder Mops, haben aus Hundesicht eine dauerhaft gekräuselte Schnauze. Eine krause Schnauze und weit aufgerissene Augen gehören zu den Drohgebärden. Ein Hund, der also nicht als junger Hund schon gelernt hat, dass es Hunde gibt, die so aussehen, dabei aber gar nicht aggressiv sind, kann da schnell etwas missverstehen. Der versteht dann einen Mops, der mit seiner krausen Schnauze, seinen glubschigen Kulleraugen und seinem röchelnden Atmen (das gleich als Knurren verstanden wird), als aggressiven Blödbommel.

…tatsächlich haben die beiden Hunde schon seit über 50m miteinander kommuniziert!

Jetzt zeigt der Hund alle Gesten der Beschwichtigung, und der Mops hört nicht auf zu drohen…was er ja gar nicht kann…denn er ist so geboren worden. Wenn sich die zwei dann auf dem Gehweg unmittelbar gegenüberstehen, passiert das für den Halter scheinbar „unvorhersehbare“ – tatsächlich haben die beiden Hunde schon seit über 50m miteinander kommuniziert… Die zweite große Quelle der Missverständnisse, ist das Haarkleid. Hunde mit übermäßig langem Fell können nicht ordentlich mit ihren Artgenossen kommunizieren. Ich persönlich finde Bobtails mit langem Fell oder Bearded Collies wunderschön. Trotzdem ist es für alle Wesen schwierig einen Hund zu verstehen, den man unter seinem Fell nicht sehen kann.

…auch wenn viele Tibet-Terrier-Züchter, Bobtail Züchter und Yorkshire Terrier Züchter mich gerne dafür verfluchen möchten

Oftmals werden diese Hunde in Auseinandersetzungen verwickelt, weil die anderen Hunde sie nicht verstehen und sie „komisch“ bis „grusilg“ finden. Sie können nicht sehen, ob der langhaarige Hund droht, beschwichtigt oder vielleicht sogar nur desinteressiert schaut. Deshalb möchte ich hier und jetzt gerne dafür plädieren, auch wenn viele Tibet-Terrier-Züchter, Bobtail Züchter und Yorkshire Terrier Züchter mich gerne dafür verfluchen möchten –  Schneiden Sie bitte ihrem Hund das Gesicht frei, so dass er die Anderen und die Anderen ihn sehen und verstehen können – oder machen Sie ihm wenigstens ein Zöpfchen. Und an alle Besitzer von Hunden, die auf „komisch aussehende“ Hunde reagieren – bitte achten Sie auf die Signale Ihres Hundes und kontaktieren Sie im Zweifelsfall eine Hundeschule, um Ihrem Hund zu helfen.

Anatomie als Auslöser für Aggression bei Hunden

Mops – Seine Anatomie lässt schnell Missverständnisse aufkommen (Bildquelle: Pixabay)

Hund mit viel Fell im Gesicht – seine Drohung ist kaum erkennbar

Hund mit viel Fell im Gesicht – seine Drohung ist kaum erkennbar (Bildquelle: Pixabay)

Was tun wenn Hunde sich beißen?

Die Frage lässt sich nur schwer beantworten, denn das richtige Verhalten ist natürlich sehr von der Situation abhängig. Generell empfehle ich ungern, als Mensch körperlich einzugreifen. Zu schnell kann es passieren, dass auch der Mensch in der Situation verletzt wird, der muss dann auch medizinisch versorgt werden, was in der Regel zu Verzögerungen in der Versorgung der Hunde führt. Damit ist also meistens keinem geholfen. Des Weiteren besteht die große Gefahr, dass der Mensch erst zu Verletzungen führen oder diese verschlimmern kann: Wenn ein Hund in den anderen Hund hineinbeißt, so kann das noch ganz ohne eine Verletzung passieren – besonders dann, wenn der beißende Hund den Anderen festhalten möchte und nur verhindern will, dass dieser sich weiter bewegt. Geht nun ein Mensch dazwischen und versucht die beiden Streithähne auseinander zu ziehen, wird evtl. doch noch fester zugebissen, um festzuhalten – durch den Zug, den der Mensch ausübt, „reißt“ der Mensch förmlich eine Wunde in den (eigentlich „nur“) festgehaltenen Hund hinein. Wenn ein Hund seinen Menschen verteidigt, so ist es oftmals noch zusätzlich ungünstig, wenn der „verteidigte“ Mensch dazwischen geht – ist die Aggression doch bedingt, um Distanz zwischen dem fremden Hund und dem Menschen zu schaffen.

Ich hätte mich schon mit dir geprügelt, aber ich musste hinter meinem Menschen her, bevor er mir davon läuft

In den meisten Fällen hilft es tatsächlich, wenn die Menschen in unterschiedliche Richtungen auseinandergehen und somit beiden Hunden die Möglichkeit bieten, sich voneinander zu trennen ohne „ihr Gesicht verlieren“ zu müssen. Getreu nach dem Motto „ich hätte mich schon mit dir geprügelt, aber ich musste hinter meinem Menschen her, bevor er mir davon läuft“. Wenn zwei Hunde sich ineinander verbissen haben und nicht mehr loslassen, ist die Situation sehr schwer. Um die beiden voneinander zu trennen, kann man ihnen „die Luft abdrücken“ – dafür müssen Sie aber sehr, sehr stark sein. Denn, erstens, das Abdrücken selbst erfordert enorme Kraft und wenn die Hunde dann loslassen, müssen Sie in der Lage sein, den Hund möglichst schnell aus der Gefahrenzone zu entfernen und dabei sichergehen, dass Sie nicht selbst von Ihrem Hund verletzt werden (solche Situationen kommen aber nur sehr selten zu Stande). Je ernster die Situation ist, umso gefährlicher ist natürlich, dass die Hunde sich tatsächlich ernsthaft verletzen. Gerade deshalb versuche ich Menschen in Körpersprache- und Kommunikationsseminaren zu erklären, woran sie eine „angespannte Stimmung“ zwischen zwei Hunden erkennen können und vorab schon präventiv eingreifen können. Wer eine Wasserflasche zur Hand hat und zwei Streithähne trennen möchte, kann hier ausnahmsweise getrost den beiden eine „Dusche“ verpassen. Dies kann aber nicht der Trainingsweg sein, wenn Sie einen Hund haben, der häufig in Streitereien verwickelt ist, oder diese sogar anzettelt. Bevor zwei Hunde aneinander geraten, können Sie, wenn Sie  z.B. mit ihrem angeleinten Hund unterwegs sind und ein unangeleinter Hund dazukommt, der Ihnen nicht geheuer ist, eine Hand voll Futter von sich wegwerfen und den drohenden Hund damit ablenken. Wichtig ist hier: Halten Sie Abstand! Wir wollen nicht noch zusätzlich eine Futteraggression heraufbeschwören. Kommt der Halter des Hundes dann an, können Sie ihn

  1. bitten den Hund anzuleinen
  2. warnen, Sie hätten auch ein nicht hundefreundlicher Mensch sein können, der seinen Hund da „füttert“

Eine Sache ist mir aber hier nochmal sehr wichtig – Respekt von Hundehalter zu Hundehalter. Erst kürzlich musste ich erneut die Erfahrung machen, dass Hundehalter nur zu oft ignorant auf die Bitte, ihren Hund abzurufen und nicht zu einem anderen, angeleinten Hund laufen zu lassen, reagieren. Nur zu oft beschweren sich Hundehalter über Nicht-Hundehalter und deren Verständnislosigkeit, wenn der Hund frei an ihnen vorbeiläuft, sie anschnuppert oder überhaupt nur im Alltag dabei ist (z.B. im Café). Doch ich muss sagen, wenn wir von Halter zu Halter nicht in der Lage sind, verständnisvoll und rücksichtsvoll miteinander umzugehen, können wir keinen Respekt von der weiteren Umwelt verlangen.


Sie haben einen sozialverträglichen Hund?  Das ist wundervoll! Bitte respektieren sie aber, dass auch Ihr lieber Hund nicht zu einem angeleinten Hund laufen und „schnuppern“ sollte – der andere Hund könnte krank, nicht sozialverträglich, ängstlich oder auf andere Art und Weise unpässlich sein. Sie schützen damit auch sich selbst und Ihren Hund. Es gibt ja zum Glück genügend Möglichkeiten, nach vorheriger kurzer Absprache, Hunde miteinander spielen zu lassen, da ist auf einen zu verzichten und den eigenen Hund mal kurz zu sich zurückrufen doch kein Beinbruch. Und wer weiß? Vielleicht machen Sie auf diese Art und Weise noch eine nette Bekanntschaft mit einem weiteren, freundlichen und respektvollem Hundehalter! Sie haben einen Hund, der öfter in Streitereien verwickelt ist? Bedenken Sie bitte, das bedeutet nicht nur für Sie, sondern auch für Ihren Hund großen Stress. Deshalb kann ich Ihnen nur ans Herz legen, das Verhalten analysieren zu lassen und mit einer Hundeschule Ihres Vertrauens daran zu arbeiten. Sprechen Sie mich gerne darauf an. Bildquelle: Titel- und Beitragsbild: fotolia.com #5740225 cynoclub

Sissy Kreid hat Tierwissenschaften an der Universität Wageningen in den Niederlanden studiert. Neben Fortbildungen in den Bereichen „Kind und Hund“, „Hund und Recht“, „Frisbee für Hund“ und vielem mehr hat Sissy Kreid langjährige Erfahrung im Training von Hunden und Ihren Hundehaltern unter anderem bei der Mina Trading GmbH (Martin Rütter’s D.O.G.S.) gesammelt. Seit 2015 ist Sie als selbständige Hundetrainerin im Großraum Regensburg tätig.