In den letzten beiden Jahren ist die Zahl der Hunde aus dem Ausland in meinen Trainingsstunden enorm angestiegen. Häufig treffe ich dabei immer wieder sehr ähnliche Probleme an. Der Auslandstierschutz bewegt (verständlicherweise) viele Menschen.

Während es hier in Deutschland üblich ist, den Tieren in den Tierheimen ein möglichst angenehmes Leben zu bereiten und ihnen (oft unbegrenzte) Zeit gegeben wird, ein neues zu Hause zu finden, ist es in vielen Ländern des europäischen Auslands (z.B. Spanien, Rumänien, Griechenland uvm.) üblich, Straßenhunde/Tierheimhunde nach Ablauf einer Frist (meist 30 Tage – 6 Monate) einzuschläfern oder zu vergasen. In Deutschland kennen wir den Umstand eines Lebens mit Straßenhunden gar nicht, die Tiere haben ein zu Hause, leben im Tierheim oder sind in Pflegestellen untergebracht. „Wilde Hunde“ oder „Straßenhunde“ sind uns in unseren aufgeräumten Städten unbekannt. Deshalb ist es manchmal schwer vorstellbar, wie das Leben dieser Tiere generell aussieht.

„Wilde Hunde“ oder „Straßenhunde“ sind uns in unseren aufgeräumten Städten unbekannt.

Strassenhund Lotta aus Rumänien

Lotta aus Rumänien

Meistens kommen die Hunde aus dem Auslands-Tierschutz erst einige Wochen oder Monate nach ihrer Rettung ins Training zu mir. Sie haben Schwierigkeiten, sich ihrem neuen Leben anzupassen. In vielen Fällen kann ich feststellen, dass dieses Verhalten der Hunde auf Missverständnis bei ihren neuen Haltern stößt. „Jetzt ist der Hund doch aus seinem schrecklichen Leben gerettet, warum benimmt er sich denn jetzt so?“ oder „Ich dachte immer, Hunde, die man rettet, wären dankbar für ihr neues zu Hause!“ sind häufig Aussagen, die im Zusammenhang mit dem Auslandshund in der ersten Trainingsstunde fallen. Einerseits verstehe ich diese Enttäuschung des Menschen, der ja prinzipiell einem Lebewesen etwas Gutes tun wollte möchte. Gerade deshalb liegt mir dieser Artikel besonders am Herzen. An dieser Stelle möchte ich für alle Hundeliebhaber aufklären, warum die Hunde aus dem Ausland sich so verhalten. Ein besseres Verständnis für die Lebensweise von (Straßen-)Hunden aus dem Ausland kann helfen, Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen oder sie zumindest leichter zu lösen.

Die unterschiedlichen Formen von „Straßenhunden“

Vorneweg möchte ich erklären, dass es unterschiedliche Formen von „Straßenhunden“ gibt und dieser Umstand bereits einen Aspekt darstellt, weshalb das Verhalten von Straßenhunden so divers sein kann.

  • Hunde, die im städtischen Umfeld frei leben und dort hauptsächlich von Essensresten leben. In touristischen Städten trauen sich auch manche relativ nah an Menschen heran, um mehr Nahrung zu bekommen. Besonders schlaue Exemplare wissen, dass sie durch „spezielleres“ Verhalten, wie etwa humpeln oder winseln noch erfolgreicher beim Nahrung erbetteln sein können.
  • Hunde, die in ländlicher Gegend leben. Sie ernähren sich hauptsächlich durch die Jagd. Sie wissen wie man ein Kaninchen oder einen Vogel fängt und tötet um Nahrung zu erwerben. Gerade diese Hunde verstehen sich darauf auf sich selbst gestellt zu sein und begreifen im neuen Umfeld nur schwer, warum wir Menschen mit ihrem Jagdverhalten uneinverstanden sind und sehen auch nur sehr wenig Sinn darin, mit dem Menschen zusammen zu arbeiten. Sie können auf sich selbst gestellt sein und brauchen aus ihrer Sicht auch keinen Menschen zum Überleben.
  • Außerdem muss man Hunde unterscheiden, die ausgesetzt wurden und solche, die in „freier Wildbahn“ geboren wurden und wiederum Elterntiere haben, die bereits den Menschen gegenüber scheu bis misstrauisch sind. Hunde, die ausgesetzt wurden, haben vielleicht schon gute oder auch schlechte Erfahrungen mit dem Menschen gemacht. Sie verstehen die menschliche Körpersprache vielleicht etwas besser. Hunde, deren Elterntiere bereits scheu  vor dem Menschen gezeigt haben, sind darauf geprägt, dem Menschen gegenüber misstrauisch zu sein.

Vom Zurückhaltenden zum schwierigen Hund – Kontrollverlust & Kulturschock

Häufig sind Hunde aus dem Ausland in den ersten Wochen oder gar Monaten sehr unauffällig oder sehr zurückhaltend. Das liegt meist am „Kulturschock“ und dem enormen Kontrollverlust, den die Hunde durch ihre Rettung in unsere Zivilisation erleben.

Ich erkläre das meinen Kunden gerne so: Stellen Sie sich vor, sie leben hier in Bayern in etwas ländlicher Gegend, sind hier aufgewachsen, groß geworden und gut integriert. Sie fühlen sich hier wohl, auch wenn das ländliche Leben manchmal seine Schwierigkeiten (z.B. seltener Busverkehr und langsames Internet) bereitet. Sie sprechen bayrisch und brauchen auch sonst keine Sprache zu können. Und jetzt kommt in dieser Nacht jemand vorbei, packt sie ein und sie wachen morgen früh in Bangkok im 30. Stock eines Hochhauses auf. Die Familie bei der Sie wohnen, verstehen Sie nicht, diese spricht nur Thai. Sie wissen nicht sicher, ob die Menschen in Ihrer Umgebung Ihnen nur Gutes wollen, oder vielleicht gar nicht vertrauenswürdig sind. In der Stadt ist enorm viel Verkehr. Sie wissen nicht, warum Sie hier sind, was mit Ihnen geschieht und wie ihr nächster Tag aussehen wird – denn Sie verstehen die Sprache nicht. Nicht einmal Ihr Essen können Sie sich aussuchen, weil Sie die Nahrung nicht kennen und die Schriftzeichen nicht lesen können.
Wenn Sie jetzt ein unangenehmes Gefühl empfinden und sich selbst niemals in dieser Situation finden wollen, können Sie sich vorstellen, wie der (Straßen-)Hund aus dem Ausland diesen Kontrollverlust erleben muss.

Und jetzt kommt in dieser Nacht jemand vorbei, packt sie ein und sie wachen morgen früh in Bangkok im 30. Stock eines Hochhauses auf.

Wie fühlt sich das an? Wie verhalten Sie sich?

Das Beispiel funktioniert übrigens auch hervorragend umgekehrt: Man stelle sich vor, Sie sind ein Großstadtmensch, z.B. ein New Yorker und wachen morgen früh bei einem borneanischen Ur-Einwohnerstamm im Regenwald auf…

Spätestens jetzt sollte Ihnen klar sein, warum ein Straßenhund in den ersten Wochen sehr zurückhaltend ist und sich unauffällig verhält. Er muss den Schock überwinden und sicher gehen, dass ihm nichts passiert.

Akklimatisierung bedeutet oft Schwierigkeiten in der Mensch-Hund-Beziehung

Was geschieht, wenn der Hund sich halbwegs akklimatisiert hat, sind häufig sehr ähnliche problematische Verhaltensweisen: Aggressionsverhalten an der Leine gegenüber Artgenossen, Aggression gegen Menschen oder Angst vor Menschen (besonders im neuen zu Hause), nicht-alleine-bleiben-können, Angst in der Stadt, vor Geräuschen etc.

Sehen wir uns das Ganze aus Sicht der Hunde an. Welche Beziehungen sind relevant und sollten genauer betrachtet werden?

Wie verhält sich die Welt der Straßenhunde im Vergleich zu unserer Zivilisation?

Hund – Umwelt Beziehungen:

Strassenhund Tommy aus Griechenland

Grieche Tommy

Häufig glauben meine Kunden, ihre Hunde hätten im „alten Leben“ schlechte Erfahrungen mit bestimmten Situationen (Männern, Kindern, Straßenbahnen usw.) gemacht und würden sich deshalb jetzt nur schwer anpassen können.

Selbstverständlich besteht diese Möglichkeit. Allerdings sollte ein Mangel an Prägung und Sozialisation als Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. Hunde erleben eine prägeähnliche- und Sozialisationsphase in den ersten 16 Wochen ihres Lebens. Deshalb ist die Welpenzeit auch so wichtig.
Alles, was die Welpen in dieser Zeit als angenehm erleben, wird in Zukunft auch als „angenehm“ und „gefahrlos“ eingestuft. Deshalb ist die Rettung von jungen Straßenhunden ebenso schwierig wie von erwachsenen Straßenhunden. Wenn sie nun beispielsweise in ländlicher Gegend von sehr scheuen Hunde-Eltern geboren, mit ca. einem Jahr eingefangen und dann über ein Tierheim nach Deutschland in eine Stadt vermittelt werden, dann kennen sie Reize wie die Straßenbahn, enge Gassen und schnelle Autos nicht. Es ist nur logisch, wenn man lange auf sich allein gestellt war, und für seine eigene Sicherheit sorgen musste, dass der Hund dann derart unbekannte und schwer zu verarbeitende Reize, als gefährlich einstuft und nicht gut damit zurechtkommt.

Dabei darf man auch nicht außer Acht lassen, dass Hunde, die auf der Straße leben bzw. geboren werden – die sich aus gesundheitlichen Gründen oder einfach weil Sie schlechte Jäger sind – nicht an ihre Umwelt anpassen können, auf der Straße oft keine Chancen zum Überleben haben.

Wer also einen Hund von der Straße rettet, muss sich bewusst machen, dass er einen Hund aufnimmt, der in seiner dortigen Umgebung sehr gut angepasst ist und Eigenschaften besitzt (wie z.B. das unerwünschte Jagdverhalten oder eigenständiges Handeln), die für uns (in unserer Zivilisation)  oft als problematisch empfunden werden.

Hund-Hund Beziehungen:

Hunde aus dem Tierschutz: Beziehung von Hund zu Hund

Hund-Hund-Beziehungen

Hunde, die im Ausland als „Straßenhunde“ geboren werden, bewegen sich vollkommen frei und haben so die Möglichkeit zu uneingeschränkter, körpersprachlicher Kommunikation. Konflikte zwischen Hunden, die meist eher in losen Verbänden, als in Rudeln (wie bei Wölfen) zusammenleben, werden meistens möglichst ohne Verletzungen, stark ritualisiert über die Kommunikation mit Körpersprache gelöst. Die Hunde befinden sich dabei ja in einer Umgebung, in der sie den notwendigen Raum einnehmen können. Um also z.B. einem aggressiven Konflikt aus dem Weg zu gehen, kann ein bedrohter Hund einen großen Bogen um den Artgenossen laufen. Wenn ein Hund aus einem Territorium/Revier vertrieben werden soll, weil er z.B. sexuelle Konkurrenz für einen Rüden darstellt, dann kann er das Revier dauerhaft verlassen. Kurz gesagt, Hunde, die auf der Straße/in der Wildnis groß werden, sind meistens sehr sozialkompetente Wesen, die sehr feinfühlig mit anderen Hunden kommunizieren können. Kommen diese Hunde in unsere Gesellschaft, erleben sie meistens etwas, das in der menschlichen Beschreibung vielleicht einem „Kulturschock“ am ehesten gleich kommt. Wenn dieser Straßenhund nun in seiner neuen Umgebung auf dem Spaziergang anderen Hunden begegnet, bei diesen Begegnungen angeleint ist und dadurch mit seinem Körper nicht so kommunizieren kann, wie es für ihn notwendig wäre, entstehen schnell Konflikte.

Situationsanalyse – „Wilde“ Hunde an die Leine genommen

Wir nehmen also an, der Straßenhund kommt nun mit seinem neuen Besitzer auf dem Spaziergang in eine „Rauferei“ mit einem anderen Hund aus der Nachbarschaft. Der ehemalige Straßenhund ist angeleint und kann dementsprechend nicht frei körpersprachlich kommunizieren und eine Flucht aus der Situation ist ebenfalls unmöglich. Sollte der Hund bereits Vertrauen zu seinem neuen Halter aufgebaut haben, ist dieses nun gebrochen. Kein Wunder also, dass nach solchen Erlebnissen ein Straßenhund dazu neigt, „Angriff als beste Form der Verteidigung“ zu betrachten und an der Leine prinzipiell Aggression gegenüber Artgenossen zeigt. Wenn wir zur territorialen Thematik zurückkehren, erkennen  wir auch hier, warum die Anpassung an unsere „Welt“ für Straßenhunde schwierig ist. Wenn zwei Hunde in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander leben, jedoch mindestens einer der Meinung ist, das Territorium für sich alleine zu beanspruchen, kann der Konflikt nicht gelöst werden. Ich habe zumindest noch keinen Kunden erlebt, der sein Haus verkaufen würde, damit der Hund der Familie keinen „Stress“ mit dem Nachbarshund mehr hat. Mindestens aus Sicht des Straßenhundes ist es also eine völlig unlogische, unglückliche und unlösbare Situation – die vor allem dann Probleme bereitet, wenn die Halter der beiden Hunde nicht richtig miteinander kommunizieren und handeln.

Hunde, die in unserer menschlichen Obhut geboren werden und in unserer Zivilisation aufwachsen, zeigen völlig anderes Sozialverhalten als Straßenhunde.

Achtung, Knautschnase!

Mops

Missverständnisse in der Kommunikation durch Rasseeigenschaften

Hunde, die in unserer menschlichen Obhut geboren werden und in unserer Zivilisation aufwachsen, zeigen völlig anderes Sozialverhalten als Straßenhunde. Sie sind von Anfang an gewöhnt, dass wir viel dichter beieinander leben. Sie kennen an der Leine geführt zu werden und dass sie – auch wenn sie ihren Erzfeind täglich sehen – sich nicht gegenseitig zerfleischen können (auch wenn man es nicht darauf ankommen lassen sollte!). Die Hunde wissen, dass sie das „Revier“ nicht einfach verlassen können. Wir regeln und reglementieren unsere Hunde in ihrem Sozialverhalten mit Artgenossen, indem wir auf Spaziergängen entscheiden ob sie spielen dürfen und mit welchen Hunden sie Kontakt haben dürfen. Wir gehen dazwischen wenn es zu grob wird etc. Straßenhunde müssen meistens viel erwachsener sein, damit sie ihr Überleben sichern können. Sie sind häufig nicht so „unbeschwert“ und aus reiner Freude am Sozialkontakt interessiert, wie unsere „zivilsierten“ Hunde.

Rassehunde mit brachyzephalen (Knautschnasigen) Köpfen (wie z.B. französische Bulldoggen oder der Mops) würden in Spaniens Hitze auf der Straße nicht überleben. Allein deshalb kennen viele Straßenhunde diesen Typ Körper nicht. Das ist insofern schon ein Problem, da diese Knautschnasen bereits viele Missverständnisse zwischen den Tieren auslösen. Die Knautschnase mit Falten, die runden Augen, das Röcheln durch die erschwerte Atmung sind alles Verhaltenselemente, die bei normalen Hundekörpern auf offensive Drohung hindeuten. Oft wollen aber diese Hunde nichts Böses – und kommen auf den Straßenhund zu, der denkt sie drohen!

Was würde er wohl logischerweise tun, nachdem er in allen Maßen die er kennt beschwichtigt hat, und sich in die Ecke gedrängt fühlt?
Sie sehen, auch die Kommunikation zwischen „zivilisierten“ Hunden und Straßenhunden kann sehr kompliziert werden.

Hund-Mensch Beziehungen:

Ich habe bereits vorher erwähnt, dass Straßenhunde sehr feinfühlig zu kommunizieren lernen, um in der Gruppe möglichst gut überleben zu können. Diese feine und dezente Kommunikation wird den Straßenhunden in ihrer Umgebung mit den Menschen meist zum Verhängnis. Wir Menschen sind in der Körpersprache meistens wahre Holzklötze.

Ein klassisches Beispiel: Um den Hund zu streicheln beugen wir uns zu ihm herunter. Aus rein praktischer Sicht, ein völlig logischer Schritt des Menschen. In der Hund-Hund Kommunikation heißt ein nach-vorne-weg-Beugen „Geh Weg!“, „Halt Abstand von mir“ – Also eine klassische Drohgebärde. Wenn wir unseren Hund dann „zwingen“ sich streicheln zu lassen, empfindet er über dieses unlogische Verhalten einen Kontrollverlust. Alle Regeln der Kommunikation, die er gelernt hat, scheinen hier keine Bedeutung mehr zu haben. Vergleichen Sie wieder, wie es wäre, würden plötzlich alle Menschen in Ihrer Umgebung nur noch Thai sprechen. Wir kommunizieren aber nicht nur „grob“ und unlogisch, wir verstehen auch noch schlecht.

Wir Menschen sind in der Körpersprache meistens wahre Holzklötze.

Das stellen meine Kunden immer dann fest, wenn der gerettete Hund nach einer „Eingewöhnung“ von ca. 3-5 Monaten „völlig aus dem Nichts heraus“ und „ohne jede Vorwarnung“ einen Menschen gebissen hat. Dass der Hund schon von Anfang an durch seine Körpersprache gezeigt hat, dass er sich unwohl fühlt und dass er mit Sicherheit durch Verhaltensweisen wie Ohren anlegen, steif werden, anstarren, knurren etc. vorgewarnt hat, ist dem Menschen einfach unklar.

Vertrauen zu Hunden aus dem Tierschutz / Ausland muss hart erarbeitet werden

Spätestens jetzt verstehen Sie vielleicht ein bisschen besser, wie schwierig es sein kann, einen ehemaligen Straßenhund bei sich aufzunehmen. Ein Hund, der über seine ersten Lebensjahre Menschen als Bedrohung kennengelernt hat, wird nicht nach kürzester Zeit feststellen, dass Sie es gut mit ihm meinen. Dieses Vertrauen müssen Sie sich erst sehr hart erarbeiten. Besonders bei Hunden, die schon vollständig erwachsen sind und mehrere Jahre „wild“ gelebt haben, ist es ein sehr langer (vielleicht sogar lebenslanger) Prozess, sie an unsere Zivilisation zu gewöhnen. Ein Hund der drei Jahre auf der Straße überlebt hat, weiß wie er sich selbst ernähren kann, hat sich vielleicht schon erfolgreich fortgepflanzt und weiß, wie er sich selbst verteidigen muss und wie er möglichst unversehrt überleben kann. Bei dieser Betrachtung ist auch selbstverständlich zu verstehen, dass ein ehemaliger Straßenhund in seinem neuen zu Hause bei einer verängstigenden Situation nicht sofort zu seinem neuen Menschen geht, um Schutz zu suchen.

Es ist tatsächlich eine moralische Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss, ob die „Rettung“ eines Straßenhundes von der Straße tatsächlich eine Rettung ist. Ein Hund, der auf der Straße groß geworden ist, und sich der dortigen Umwelt gut angepasst hat, wird sich immer schwer tun, sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden.  Ein bisschen könnte man sich auch fragen, ob man einen Löwen vor der Wildnis retten möchte und ihm deshalb einen Platz im sicheren Zoo geben will. Natürlich ist das ein drastischer und völlig extremer Vergleich. Dennoch liegt er auch nicht so fern, wie man im ersten Moment glaubt.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich finde es selbst auch grausam, dass Tiere in manchen Ländern durch Massentötungen beseitigt werden. Ich habe bei meinen vielen Spanienbesuchen schon viele „Straßenhunde“ in ihrer natürlichen Umgebung beobachten dürfen. Ich habe auch die „Tierheime“ und „Tötungsstationen“ gesehen und finde den Auslandstierschutz sehr wichtig.

Auslandstierschutz kann auch bedeuten, Tiere lebend zu fangen, zu kastrieren/sterilisieren und wieder auszusetzen. So werden keine bzw. weniger neue Tiere geboren, die Zahlen bleiben konstant oder werden weniger und die Tiere werden nicht aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen. Ich durfte auch bereits viele Teams aus ehem. Straßenhund und Mensch in ein harmonisches Miteinander begleiten und bin über die vielen schönen Geschichten, die ich miterleben durfte sehr glücklich. Ich freue mich für jeden Hund, wenn er ein gutes zu Hause bekommt. Viele ehemalige Straßenhunde passen sich ja auch gut an ihre neue Situation an und machen ihre Menschen zu sehr glücklichen Hundebesitzern.

Strassenhund Diego mit Besitzer Christina und Jens

Sind ein tolles Team geworden: Diego (Griechenland), Christina und Jens

 


 

Ich möchte Sie mit diesem Text bitten, sich bewusst zu machen, dass es ein sehr langer Prozess sein kann, einen Hund aus dem Ausland zu Ihrem Familienmitglied zu machen. Es können viele Trainingsstunden notwendig sein, um eine gute Bindung zueinander aufzubauen. Und Sie brauchen viel Feingefühl, um Ihren Hund gut verstehen zu können. Ich bewundere Ihren Mut, wenn Sie sich dieser Aufgabe stellen und ich bewundere meine Kunden mit Hunden aus dem Ausland für ihre Geduld und Hingabe mit welcher sie mühsam an einer vertrauensvollen Beziehung mit ihrem Hund arbeiten.

 

Sissy Kreid hat Tierwissenschaften an der Universität Wageningen in den Niederlanden studiert. Neben Fortbildungen in den Bereichen „Kind und Hund“, „Hund und Recht“, „Frisbee für Hund“ und vielem mehr hat Sissy Kreid langjährige Erfahrung im Training von Hunden und Ihren Hundehaltern unter anderem bei der Mina Trading GmbH (Martin Rütter’s D.O.G.S.) gesammelt. Seit 2015 ist Sie als selbständige Hundetrainerin im Großraum Regensburg tätig.