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Hunde aus dem (Auslands) Tierschutz verstehen lernen.

Was du wissen musst!

Hunde aus dem (Auslands)Tierschutz verstehen lernen.

Was du wissen musst.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Hunde aus dem Ausland in meinen Trainingsstunden enorm angestiegen. Häufig treffe ich dabei immer wieder sehr ähnliche Probleme an. Der Auslandstierschutz bewegt (verständlicherweise) viele Menschen.

Während es hier in Deutschland üblich ist, den Tieren in den Tierheimen ein möglichst angenehmes Leben zu bereiten und ihnen (oft unbegrenzte) Zeit gegeben wird, ein neues zu Hause zu finden, ist es in vielen Tierheimen Ländern im europäischen Ausland (z.B. Spanien, Rumänien, Griechenland uvm.) aufgrund der vielen Tiere und Mangel an Mitteln diese zu versorgen üblich, Tiere nach Ablauf einer Frist (oft 30 Tage – 6 Monate) einzuschläfern.

„Wilde Hunde“ oder „Straßenhunde“ sind uns in unseren aufgeräumten Städten unbekannt.

In Deutschland kennen wir den Umstand eines Lebens mit Straßenhunden gar nicht, die Tiere haben ein zu Hause, leben im Tierheim oder sind in Pflegestellen untergebracht. „Wilde Hunde“ oder „Straßenhunde“ sind uns in unseren aufgeräumten Städten unbekannt. Deshalb ist es manchmal schwer vorstellbar, wie das Leben dieser Tiere generell aussieht.

Meistens kommen die Hunde aus dem Auslands-Tierschutz erst einige Wochen oder Monate nach ihrer Rettung ins Training zu mir. Sie haben Schwierigkeiten, sich ihrem neuen Leben anzupassen. In vielen Fällen kann ich feststellen, dass dieses Verhalten der Hunde auf Missverständnis bei ihren neuen Haltern stößt.

Jetzt ist der Hund doch aus seinem schrecklichen Leben gerettet, warum benimmt er sich denn jetzt so?“ oder „Ich dachte immer, Hunde, die man rettet, wären dankbar für ihr neues zu Hause!“ sind häufig Aussagen, die im Zusammenhang mit dem Auslandshund in der ersten Trainingsstunde fallen. Einerseits verstehe ich diese Enttäuschung des Menschen, der ja prinzipiell einem Lebewesen etwas Gutes tun wollte möchte. Gerade deshalb liegt mir dieser Artikel besonders am Herzen.

An dieser Stelle möchte ich für alle Hundeliebhaber aufklären, warum die Hunde aus dem Ausland sich so verhalten. Ein besseres Verständnis für die Lebensweise von (Straßen-)Hunden aus dem Ausland kann helfen, Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen oder sie zumindest leichter zu lösen.

Strassenhund Tommy aus Griechenland

Tommy aus Griechenland – kein einfacher Fall, eine echte Bewährungsprobe für seine Halter und ein echter Herzensschmeichler…

Die unterschiedlichen Formen von „Straßenhunden“

Vorneweg möchte ich erklären, dass es unterschiedliche Formen von „Straßenhunden“ gibt und dieser Umstand bereits einen Aspekt darstellt, weshalb das Verhalten von Straßenhunden so divers sein kann.

  • Hunde, die im städtischen Umfeld frei leben und dort hauptsächlich von Essensresten leben. In touristischen Städten trauen sich auch manche relativ nah an Menschen heran, um mehr Nahrung zu bekommen. Besonders schlaue Exemplare wissen, dass sie durch „spezielleres“ Verhalten, wie etwa humpeln oder winseln noch erfolgreicher beim Nahrung erbetteln sein können.
  • Hunde, die in ländlicher Gegend leben. Sie ernähren sich teilweise auch durch das Erjagen von kleineren Tieren und von Abfällen abseits der Siedlungen. Sie wissen wie man ein Kaninchen oder einen Vogel fängt und tötet um Nahrung zu erwerben. Gerade diese Hunde verstehen sich darauf auf sich selbst gestellt zu sein und begreifen im neuen Umfeld nur schwer, warum wir Menschen mit ihrem Jagdverhalten und ihrer Vorliebe für Mülleimer einverstanden sind und sehen auch nur sehr wenig Sinn darin, mit dem Menschen zusammen zu arbeiten. Sie können auf sich selbst gestellt sein und brauchen aus ihrer eigenen Sicht keinen Menschen zum Überleben.
  • Außerdem muss man noch von den Hunden unterscheiden, die ausgesetzt wurden und solche, die in „freier Wildbahn“ geboren wurden und wiederum Elterntiere haben, die bereits den Menschen gegenüber scheu bis misstrauisch sind. Hunde, die ausgesetzt wurden, haben schon Erfahrungen mit dem Menschen gemacht. Sie verstehen die menschliche Körpersprache vielleicht etwas besser. Hunde, deren Elterntiere bereits scheu  vor dem Menschen gezeigt haben, sind darauf geprägt, dem Menschen gegenüber misstrauisch zu sein.

Hunde aus dem Tierschutz noch besser verstehen!

Meinen Vortrag „Hunde aus dem Auslandstierschutz“ kannst du ganz einfach und bequem zuhause ansehen. Besuch meine Seite auf Vimeo und verstehe Hunde aus dem Tierschutz noch besser!

Vom zurückhaltenden zum schwierigen Hund – Kontrollverlust & Kulturschock

Häufig sind Hunde aus dem Ausland in den ersten Wochen oder gar Monaten sehr unauffällig oder sehr zurückhaltend. Das liegt meist am „Kulturschock“ und dem enormen Kontrollverlust, den die Hunde durch ihre Rettung in unsere Zivilisation erleben.

Ich erkläre das meinen Kunden gerne so: Stellen Sie sich vor, sie leben hier in Bayern in etwas ländlicher Gegend, sind hier aufgewachsen, groß geworden und gut integriert. Sie fühlen sich hier wohl, auch wenn das ländliche Leben manchmal seine Schwierigkeiten (z.B. seltener Busverkehr und langsames Internet) bereitet. Sie sprechen bayrisch und brauchen auch sonst keine Sprache zu können.

Und jetzt kommt in dieser Nacht jemand vorbei, packt sie ein und sie wachen morgen früh in Bangkok im 30. Stock eines Hochhauses auf. Die Familie bei der Sie wohnen, verstehen Sie nicht, diese spricht nur Thai. Sie wissen nicht sicher, ob die Menschen in Ihrer Umgebung Ihnen nur Gutes wollen, oder vielleicht gar nicht vertrauenswürdig sind. In der Stadt ist enorm viel Verkehr. Sie wissen nicht, warum Sie hier sind, was mit Ihnen geschieht und wie ihr nächster Tag aussehen wird – denn Sie verstehen die Sprache nicht.

Nicht einmal Ihr Essen können Sie sich aussuchen, weil Sie die Nahrung nicht kennen und die Schriftzeichen nicht lesen können. Wenn Sie jetzt ein unangenehmes Gefühl empfinden und sich selbst niemals in dieser Situation finden wollen, können Sie sich vorstellen, wie der (Straßen-)Hund aus dem Ausland diesen Kontrollverlust erleben muss.

Und jetzt kommt in dieser Nacht jemand vorbei, packt sie ein und sie wachen morgen früh in Bangkok im 30. Stock eines Hochhauses auf.

Wie fühlt sich das an? Wie verhalten Sie sich?

Das Beispiel funktioniert übrigens auch hervorragend umgekehrt: Man stelle sich vor, Sie sind ein Großstadtmensch, z.B. ein New Yorker und wachen morgen früh bei einem borneanischen Ur-Einwohnerstamm im Regenwald auf… Spätestens jetzt sollte Ihnen klar sein, warum ein Straßenhund in den ersten Wochen sehr zurückhaltend ist und sich unauffällig verhält. Er muss den Schock überwinden und sicher gehen, dass ihm nichts passiert. Akklimatisierung bedeutet oft Schwierigkeiten in der Mensch-Hund-Beziehung.

Was geschieht, wenn der Hund sich halbwegs akklimatisiert hat, sind häufig sehr ähnliche problematische Verhaltensweisen: Aggressionsverhalten an der Leine gegenüber Artgenossen, Aggression gegen Menschen oder Angst vor Menschen (besonders im neuen zu Hause), nicht-alleine-bleiben-können, Angst in der Stadt, vor Geräuschen etc. Sehen wir uns das Ganze aus Sicht der Hunde an. 

Strassenhund Diego mit Besitzer Christina und Jens

Sie sind ein tolles Team geworden: Diego (Griechenland) und Besitzer Christina und Jens.

Wie verhält sich die Welt der Straßenhunde im Vergleich zu unserer Zivilisation?

Hund – Umwelt Beziehungen:

Häufig glauben meine Kunden, ihre Hunde hätten im „alten Leben“ schlechte Erfahrungen mit bestimmten Situationen (Männern, Kindern, Straßenbahnen usw.) gemacht und würden sich deshalb jetzt nur schwer anpassen können. Selbstverständlich besteht diese Möglichkeit. Allerdings sollte ein Mangel an Prägung und Sozialisation als Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. Hunde erleben eine prägeähnliche- und Sozialisationsphase in den ersten 16 Wochen ihres Lebens.

Deshalb ist die Welpenzeit auch so wichtig. Alles, was die Welpen in dieser Zeit als angenehm erleben, wird in Zukunft auch als „angenehm“ und „gefahrlos“ eingestuft. Deshalb ist die Rettung von jungen Straßenhunden (diese dürfen nämlich auch erst nach Tollwutimmunisierung mit ca. 5 Monaten nach Deutschland einreisen) ebenso schwierig wie von erwachsenen Straßenhunden.

Wenn sie nun beispielsweise in ländlicher Gegend von sehr scheuen Hunde-Eltern geboren, mit ca. einem Jahr eingefangen und dann über ein Tierheim nach Deutschland in eine Stadt vermittelt werden, dann kennen sie Reize wie die Straßenbahn, enge Gassen und schnelle Autos nicht.

Es ist nur logisch, wenn man lange auf sich allein gestellt war, und für seine eigene Sicherheit sorgen musste, dass der Hund dann derart unbekannte und schwer zu verarbeitende Reize, als gefährlich einstuft und nicht gut damit zurechtkommt.

Dabei darf man auch nicht außer Acht lassen, dass Hunde, die auf der Straße leben bzw. geboren werden – die z.B. krank sind – nicht an ihre Umwelt anpassen können, auf der Straße oft keine Chancen zum Überleben haben. Wer also einen Hund von der Straße rettet, muss sich bewusst machen, dass er einen Hund aufnimmt, der in seiner dortigen Umgebung sehr gut angepasst ist und Eigenschaften besitzt (wie z.B. eigenständiges Handeln), die für uns (in unserer Zivilisation) oft als problematisch empfunden werden.

Sind ein tolles Team geworden: Diego (Griechenland), Christina und Jens

Hund-Hund-Beziehungen – funktionieren überall (Bildquelle: pixabay.com)

Hund-Hund-Beziehungen

Hunde, die im Ausland als „Straßenhunde“ geboren werden, bewegen sich vollkommen frei und haben so die Möglichkeit zu uneingeschränkter, körpersprachlicher Kommunikation. Konflikte zwischen Hunden, die meist eher in losen Verbänden, als in Rudeln (wie bei Wölfen) zusammenleben, werden meistens ohne Verletzungen, stark ritualisiert über die Kommunikation mit Körpersprache und oftmals sogar viel Gebell gelöst.

Die Hunde befinden sich dabei ja in einer Umgebung, in der sie den notwendigen Raum ausnutzen können. Um also z.B. einem aggressiven Konflikt aus dem Weg zu gehen, kann ein bedrohter Hund einen großen Bogen um den Artgenossen laufen. Wenn ein Hund aus einem Territorium/Revier vertrieben werden soll, weil er z.B. sexuelle Konkurrenz für einen Rüden darstellt, dann kann er das Revier dauerhaft verlassen.

Kurz gesagt, Hunde, die ohne menschliche Führung groß werden, sind meistens sehr sozialkompetente Wesen, die sehr feinfühlig mit anderen Hunden kommunizieren können. Hunde, die in menschlicher Obhut geboren und großgezogen werden, die Welpenschule besuchen und den menschlichen Alltag von klein an kennenlernen, kommunizieren anders als Hunde, die unter sich gelebt haben. Kommen diese Hunde in unsere Gesellschaft, erleben sie meistens etwas, das in der menschlichen Beschreibung vielleicht einem „Kulturschock“ am ehesten gleich kommt.

Wenn dieser Straßenhund nun in seiner neuen Umgebung auf dem Spaziergang anderen Hunden begegnet, bei diesen Begegnungen angeleint ist und dadurch mit seinem Körper nicht so kommunizieren kann (und auch von „einheimischen“ Hunden nicht richtig verstanden wird), wie es für ihn notwendig wäre, entstehen schnell Konflikte.

Situationsanalyse – „Wilde“ Hunde an die Leine genommen

Wir nehmen also an, der Straßenhund kommt nun mit seinem neuen Menschen auf dem Spaziergang in eine Situation, in der sich  seine Leine und die eines anderen Hundes aus der Nachbarschaft verheddern. Der ehemalige Straßenhund ist angeleint und kann dementsprechend nicht frei körpersprachlich kommunizieren und eine Flucht aus der Situation ist ebenfalls unmöglich. Sollte der Hund bereits Vertrauen zu seinem neuen Halter aufgebaut haben, ist dieses nun in Gefahr dadurch zu zerbrechen.

Kein Wunder also, dass nach solchen Erlebnissen ein Straßenhund dazu neigt, „Angriff als beste Form der Verteidigung“ zu betrachten und an der Leine prinzipiell Aggression gegenüber Artgenossen zeigt. Wenn wir zur territorialen Thematik zurückkehren, erkennen  wir auch hier, warum die Anpassung an unsere Umwelt für Straßenhunde schwierig ist. Deshalb ist Leinenaggression bei Hunden aus dem Tierschutz eine der häufigsten Begründungen für Hundeeltern bei mir in der Verhaltenstherapie vorstellig zu werden.

 

Missverständnisse in der Kommunikation durch Rasseeigenschaften

Missverständnisse in der Kommunikation durch Rasseeigenschaften

Achtung – Knautschnase

Hunde, die in unserer menschlichen Obhut geboren werden und in unserer Zivilisation aufwachsen, zeigen in mancher Hinsicht anderes Sozialverhalten als Straßenhunde. Sie sind von Anfang an gewöhnt, dass wir viel dichter beieinander leben. Sie verlassen sich sehr stark auf unsere Führung und unseren Schutz. Das beginnt dabei, dass Hunde, die beim Menschen groß werden, viel weniger auf den Straßenverkehr achten, als Hunde mit Straßenherkunft.

Wir regeln und reglementieren unsere Hunde in ihrem Sozialverhalten mit Artgenossen, indem wir auf Spaziergängen entscheiden ob sie spielen dürfen und mit welchen Hunden sie Kontakt haben dürfen. Wir gehen dazwischen wenn es zu grob wird etc. Straßenhunde müssen meistens viel erwachsener sein, damit sie ihr Überleben sichern können.

Sie sind häufig nicht so unbeschwert und aus reiner Freude am Sozialkontakt interessiert, wie Hunde aus menschlicher Obhut. Rassehunde mit brachyzephalen (Knautschnasigen) Köpfen (wie z.B. französische Bulldoggen oder der Mops) würden in Spaniens Hitze auf der Straße nicht überleben. Allein deshalb kennen viele Straßenhunde diesen Typ Körper aus ihrem Lebensalltag nicht. Hundewelpen, die in die Welpenschule gehen und von Menschen großgezogen werden, kommen hingegen meist in der Sozialisierungsphase mit kurznasigen Hunden in Kontakt und erlernen, dass diese komisch aussehen, aber auch ganz nett sein können.

Das ist insofern schon ein Problem, da diese Knautschnasen bereits viele Missverständnisse zwischen den Tieren auslösen. Die Knautschnase mit Falten, die runden Augen, das Röcheln durch die erschwerte Atmung sind alles Verhaltenselemente, die bei normalen Hundekörpern auf offensive Drohung hindeuten.

Oft wollen aber diese Hunde nichts Böses – und kommen auf den Straßenhund zu, der denkt sie drohen! Was würde er wohl logischerweise tun, nachdem er in allen Maßen die er kennt beschwichtigt hat, und sich in die Ecke gedrängt fühlt? Sie sehen, auch die Kommunikation zwischen Hunden aus menschlicher Obhut und Straßenhunden kann sehr kompliziert werden.

Hund-Mensch-Beziehungen:

Ich habe bereits vorher erwähnt, dass Hunde, die ohne Menschen leben sehr feinfühlig zu kommunizieren lernen, um in der Gruppe möglichst gut überleben zu können. Diese feine und dezente Kommunikation wird den Straßenhunden in ihrer Umgebung mit den Menschen meist zum Verhängnis. Wir Menschen sind in der Körpersprache meistens wahre Holzklötze.

Ein klassisches Beispiel: Um den Hund zu streicheln beugen wir uns zu ihm herunter. Aus rein praktischer Sicht, ein völlig logischer Schritt des Menschen. In der Hund-Hund Kommunikation heißt ein nach-vorne-weg-Beugen „Geh Weg!“, „Halt Abstand von mir“ – Also eine klassische Drohgebärde. Wenn wir unserem Hund dann die Streicheleinheit aufzwängen, empfindet er über dieses unlogische Verhalten einen Kontrollverlust.

Alle Regeln der Kommunikation, die er gelernt hat, scheinen hier keine Bedeutung mehr zu haben. Vergleichen Sie wieder, wie es wäre, würden plötzlich alle Menschen in Ihrer Umgebung nur noch Thai sprechen und Ihnen zur Begrüßung Küsse auf die Lippen geben. Wir kommunizieren aber nicht nur „grob“ und unlogisch, wir verstehen auch noch schlecht.

Wir Menschen sind in der Körpersprache meistens wahre Holzklötze.

Das stellen meine KundenInnen immer dann fest, wenn der gerettete Hund nach einer „Eingewöhnung“ von ca. 3-5 Monaten „völlig aus dem Nichts heraus“ und „ohne jede Vorwarnung“ einen Menschen gebissen hat. Dass der Hund schon von Anfang an durch seine Körpersprache gezeigt hat, dass er sich unwohl fühlt und dass er mit Sicherheit durch Verhaltensweisen wie Ohren anlegen, steif werden, anstarren, knurren etc. vorgewarnt hat, ist dem Menschen einfach unklar.

Vertrauen zu Hunden aus dem Tierschutz / Ausland muss hart erarbeitet werden

Spätestens jetzt verstehen Sie vielleicht ein bisschen besser, wie schwierig es sein kann, einen ehemaligen Straßenhund bei sich aufzunehmen.

Ein Hund, der über seine ersten Lebensjahre Menschen als Bedrohung kennengelernt hat, wird nicht nach kürzester Zeit feststellen, dass Sie es gut mit ihm meinen.

Dieses Vertrauen müssen Sie sich erst sehr hart erarbeiten.

Besonders bei Hunden, die schon vollständig erwachsen sind und mehrere Jahre eigenständig gelebt haben, ist es ein sehr langer (vielleicht sogar lebenslanger) Prozess, sie an unsere Zivilisation zu gewöhnen. Ein Hund der drei Jahre auf der Straße überlebt hat, weiß wie er sich selbst ernähren kann, hat sich vielleicht schon erfolgreich fortgepflanzt und weiß, wie er sich selbst verteidigen muss und wie er möglichst unversehrt überleben kann.

Bei dieser Betrachtung ist auch selbstverständlich zu verstehen, dass ein ehemaliger Straßenhund in seinem neuen zu Hause bei einer verängstigenden Situation nicht sofort zu seinem neuen Menschen geht, um Schutz zu suchen. Es ist tatsächlich eine moralische Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss, ob die „Rettung“ eines Straßenhundes von der Straße tatsächlich immer eine Rettung ist. Ein Hund, der auf der Straße groß geworden ist, und sich der dortigen Umwelt gut angepasst hat, wird sich immer erstmal schwer tun, sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden. Viele kommen nach einiger Zeit gut in ihrer Umgebung an, einige jedoch wirklich nicht und diese werden oft zu Wanderpokalen und müssen mehrmals vermittelt werden, weil sie keinen guten Platz finden.

Aber auch die Hunde, die im Shelter für längere Zeit in Gruppen- oder Zwingerhaltung auf sich selbst gestellt waren, oder auch dort sogar schon geboren worden sind, zeigen oft Ängste, ängstliches Aggressionsverhalten und verwandte Verhaltensauffälligkeiten und haben Beschwerden damit, dem Menschen vertrauen zu schenken. Das erscheint Ihnen als LeserIn spätestens hier als vollkommen logisch, doch wenn man einen jungen Hund aus einem Shelter bei sich zu Hause hat, der seit Wochen vor Angst nach Ihnen schnappen möchte, nachdem er unters Sofa geflüchtet ist, weil Sie ihn anleinen wollen, fühlt es sich dennoch sehr unangenehm und verzweifelnd an. Doch das ist eine Realität, mit der ich empfehle vor Adoption zu rechnen. Sollte sich der Hund doch schneller gewöhnen oder sogar grundsätzlich ein zutraulicheres Wesen zeigen, dann betrachten Sie das als sechser im Lotto und als großes Glück. Wer die Geduld und die Möglichkeiten, auch ein halbes Jahr mit dem Hund sehr vorsichtig umgehen zu müssen, nicht aufbringen kann, der riskiert, dass beide unglücklich werden: Mensch und Hund.

Verstehen Sie mich bitte nicht richtig. Ich finde es grausam, dass Tiere in vielen  Ländern in überfüllten Shelters unter schlechten Bedingungen leben und nach Ablauf einer Frist auch getötet werden. Auch die Tatsache, dass Hunde, die auf der Straße leben und weder Obdach noch Zugang zu guter Ernährung und medizinischer Versorgung haben, ist ein gesellschaftliches Problem, das dringend angegangen werden muss. Ich möchte  mit diesem Artikel dazu beitragen, dass Menschen erkennen, dass die Aufnahme eines Tierschutzhundes auch mit viel Aufwand verbunden sein kann, um Menschen und Hunden eine gute und bewusste Startmöglichkeit zu bieten. Aber ich möchte auch darauf aufmerksam machen, dass die Adoption zwar das Leben dieses einen Hundes verändert, doch das große Problem nur sehr wenig löst. Wem also an der Grundsituation der Tiere gelegen ist und weniger am Einzelschicksal, der/die ist gut beraten durch Ehrenamt und Spenden in den Vereinen zu helfen.

Die Wahl, welchen Hund man zu sich aufnimmt, kann helfen, miteinander glücklich zu werden

 Um die Zukunftsaussichten auf gemeinsames Glück mit dem Hund aus dem Auslandstierschutz möglichst gut zu gestalten, können einige sinnvolle Regeln beachtet werden. 

Wenn Sie im städtischen Umfeld leben und die Dichte an Menschen und Hunden im Umfeld groß ist, ist es ratsam einen Hund aufzunehmen, der im städtischen Bereich aufgegriffen und in ein Tierheim zur Vermittlung gebracht wurde. Hunde, die im Tierheim geboren wurden, oder im ländlichen Umland gefunden wurden, werden sich mit der Reizüberflutung in der Stadt sehr schwer tun. Außerdem ist es sinnvoll ein wenig Mutmaßungen über die möglichen Rasseherkünfte anzustellen: Herdenschutzhunde und -Mischlinge daraus sind sehr territoriale Tiere und finden das Leben im engen städtischen Bereich weniger schön. 

Falls Sie ländlich leben, sollten Sie hingegen von einem Hund aus einer Stadt absehen. Hier ein Beispiel: Ein Hund, der auf den Straßen Barcelonas gefangen und ins Regensburger Umland vermittelt wurde, brauchte Jahre um glücklich mit den Hobbys seiner  wanderfreudigen, naturverbundenen neuen Menschen zu werden. Er wollte anfangs nicht mal freiwillig am Feldweg spazieren gehen, fand aber Abenteuer in der Siedlung incl. ausräumen der öffentlichen Mülleimer großartig. Letztlich wurden alle drei ein tolles Team und er ging später auch gerne mit zum Wandern, dennoch hätte er wohl weiterhin Städtereisen gebucht, hätte er selbst bestimmen können.

 Ich durfte auch bereits viele Teams aus Auslandstierschutzhund und Mensch in ein harmonisches Miteinander begleiten und bin über die vielen schönen Geschichten, die ich miterleben durfte, sehr glücklich. Ich freue mich für jeden Hund, wenn er ein gutes zu Hause bekommt. 

 Wenn Sie aber vor allem darüber nachdenken, wie Sie den Tieren auf der Straße helfen können, dann können Sie auch Spenden für Kastrationsprojekte oder medizinische Versorgung in den Tierheimen vor Ort unterstützen. So ermöglichen Sie vielleicht sogar mehreren Hunden die Vermittlung in der näheren Umgebung, in der sie im Tierheim untergebracht sind.

Ich möchte Sie mit diesem Text bitten, sich bewusst zu machen, dass es ein sehr langer Prozess sein kann, einen Hund aus dem Ausland zu Ihrem Familienmitglied zu machen. Es können viele Trainingsstunden notwendig sein, um eine gute Bindung zueinander aufzubauen. Und Sie brauchen viel Feingefühl, um Ihren Hund gut verstehen zu können. Ich bewundere Ihren Mut, wenn Sie sich dieser Aufgabe stellen und ich bewundere meine Kunden*innen mit Hunden aus dem Ausland für ihre Geduld und Hingabe mit welcher sie mühsam an einer vertrauensvollen Beziehung mit ihrem Hund arbeiten. Ich freue mich besonders, wenn ich diese Reise begleiten darf und als Dolmetscherin zwischen Hund und Mensch vermitteln kann.

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Über die Autorin

Sissy Leonie Kreid

Sissy Leonie Kreid hat in den Niederlanden Tierwissenschaften studiert. Nach einer Ausbildung zum Coach für Menschen mit Hund (bei Martin Rütter) hat Sie sich 2015 mit Akademie Hund als Hundetrainerin selbständig gemacht.

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